Europäisches und brasilianisches Portugiesisch

A1 Português europeu e português do Brasil 10 / 55

Kurz gefasst

Portugiesisch ist eine Sprache mit zwei großen Standards in Wort und Schrift: europäisches Portugiesisch (português europeu, pt-PT, gesprochen in Portugal) und brasilianisches Portugiesisch (português do Brasil, pt-BR). Sie stehen einander so nahe wie britisches und amerikanisches Englisch – ein Sprecher aus Lissabon und einer aus São Paulo verstehen einander vollständig –, unterscheiden sich aber in der Aussprache, den Anredeformen, der Stellung der Pronomen und einer langen Liste von Alltagswörtern. Dieser Kurs unterrichtet die europäische Norm, denn auch das übrige Material dieses Kurses (Redewendungen, Wortschatz) folgt ihr. Diese eine Lektion ist eine Landkarte der Unterschiede, bewusst früh platziert: Das meiste Portugiesisch, dem du online, in der Musik und beim Streaming begegnest, ist brasilianisch, du musst also beides erkennen lernen, während du lernst, europäisches Portugiesisch zu produzieren. Nichts hier ist eine Regel zum Auswendiglernen – es ist eine Orientierung, damit dich die europäischen Formen späterer Lektionen (die Verlaufsform mit estar a, angehängte Pronomen, há für „es gibt“) nicht überraschen.

Die Regel

Aussprache: der schnellste Weg, sie zu unterscheiden

Der deutlichste hörbare Unterschied betrifft die unbetonten Vokale. Das europäische Portugiesisch reduziert und verschluckt sie oft – telefone klingt fast wie „tlefon“, pequeno wie „pqueno“ –, wodurch das europäische Portugiesisch abgehackt und konsonantenlastig klingt. Das brasilianische Portugiesisch hält die Vokale voller und offener, sodass dieselben Wörter gleichmäßiger silbengetaktet klingen und für viele Lernende zunächst leichter zu erfassen sind.

Zwei weitere Erkennungszeichen:

  • Ein auslautendes oder vor Konsonant stehendes -s klingt im europäischen Portugiesisch wie ein „sch“ (os livros = „usch liwrusch“), in den meisten Teilen Brasiliens dagegen wie ein einfaches „s“ („os livros“).
  • Das brasilianische Portugiesisch palatalisiert di und ti: dia klingt wie „dschia“, tia wie „tschia“. Das europäische Portugiesisch behält ein einfaches d und t.

Du musst damit noch nichts tun – wisse nur, dass dasselbe Wort ganz unterschiedlich klingen kann, sodass dein Hörtraining den Akzent einschließen sollte, den du dir zum Ziel setzt.

Anrede: tu vs. você

Das Anredesystem hast du in Lektion 3 kennengelernt. Hier trennen sich die beiden Normen am stärksten:

  • Portugal: tu ist das normale informelle „du“ (Freunde, Familie, Kinder), mit eigener Verbform der zweiten Person (tu falas, tu tens). você sowie o senhor / a senhora sind die höflichen/förmlichen Varianten.
  • Brasilien: você ist für fast alle das Standard-„du“, informell wie neutral gleichermaßen, und nimmt das Verb der dritten Person (você fala, você tem). tu überlebt in manchen Regionen, wird dort aber oft umgangssprachlich mit einem Verb der dritten Person verwendet (tu fala), was in Portugal nicht der Norm entspricht.

Beide Normen teilen vocês für das „ihr/Sie“ im Plural. Das umgangssprachliche a gente („wir“, wörtlich „die Leute“, mit Verb im Singular: a gente vai) gibt es in beiden, ist aber in Brasilien besonders verbreitet.

Wo das Pronomen steht: Enklise gegenüber Proklise

Das ist ein Vorgeschmack auf die Lektionen 29–31, doch die Trennlinie lohnt sich schon jetzt zu sehen. Objektpronomen wie me, te, se hängen sich im europäischen Portugiesisch nach dem Verb an (Enklise: Chamo-me Ana, Dá-me isso), während sie in der brasilianischen Aussprache vor dem Verb stehen (Proklise: Me chamo Ana, Me dá isso); Brasilianer beginnen zudem ganz selbstverständlich einen Satz mit dem Pronomen – etwas, das das europäische Portugiesisch vermeidet.

„Es gibt“, die Verlaufsform und andere Verbgewohnheiten

Drei häufige Unterschiede, denen du schon begegnet bist oder bald begegnen wirst:

  • Verlaufsform (Lektion 9): europäisches Portugiesisch estar a + infinitivo (Estou a comer) gegenüber brasilianischem estar + gerúndio (Estou comendo).
  • „Es gibt“ (Lektion 8): Das europäische Portugiesisch verwendet há (Há pão?); umgangssprachlich verwendet Brasilien oft tem (Tem pão?).
  • Präpositionen der Bewegung: Das europäische Portugiesisch neigt zu ir a / chegar a, wo Brasilien in der gesprochenen Sprache oft ir em / chegar em verwendet.

Wörter: dasselbe Ding, ein anderer Name

Beim Wortschatz weichen die beiden Normen für den Alltag am stärksten voneinander ab. Ein paar, denen du ständig begegnen wirst:

BedeutungPortugal (dieser Kurs)Brasilien
Busautocarroônibus
Zugcomboiotrem
Mobiltelefontelemóvelcelular
Frühstückpequeno-almoçocafé da manhã
Badezimmercasa de banhobanheiro
Kühlschrankfrigoríficogeladeira
Eisgeladosorvete
Anzugfatoterno

Achte auf die Fallen falscher Freunde, bei denen dasselbe Wort Verschiedenes bedeutet: rapariga heißt in Portugal schlicht „Mädchen/junge Frau“, ist in Brasilien aber ein anstößiges Schimpfwort; propina ist in Portugal eine Studiengebühr, in Brasilien dagegen ein Bestechungsgeld. Bist du dir bei einem solchen Wort nicht sicher, wähle ein neutrales Synonym.

Schreibung: größtenteils gemeinsam, ein paar Akzente auseinander

Das Rechtschreibabkommen von 1990 hat die beiden Schreibweisen deutlich angenähert (Portugal ließ die meisten stummen Konsonanten fallen und schreibt ação, ótimo nun wie schon zuvor Brasilien). Die verbleibenden Unterschiede sind gering und betreffen vor allem Akzentzeichen über Vokalen, die in den beiden Normen unterschiedlich ausgesprochen werden: europäisch António, económico, ténis gegenüber brasilianisch Antônio, econômico, tênis; das europäische Portugiesisch behält das hörbare c in facto, wo Brasilien fato schreibt.

Formen und Muster

Ein Überblick über die Merkmale, die für Lernende am wichtigsten sind:

MerkmalEuropäisch (pt-PT)Brasilianisch (pt-BR)
informelles „du“ als Standardtu (+ Verb der 2. Person: tu tens)você (+ Verb der 3. Person: você tem)
Stellung des Objektpronomensnach dem Verb: Chamo-me Joãovor dem Verb: Me chamo João
„gerade jetzt“-Formestar a + Infinitiv: Estou a lerestar + Gerundium: Estou lendo
„es gibt“há: Há muita genteoft tem: Tem muita gente
unbetonte Vokalereduziert, oft weggelassenvoller, deutlich ausgesprochen
auslautendes/vor Konsonant stehendes -s„sch“„s“

Beispiele

Derselbe Satz in beiden Normen:

Português (Portugal)Português (Brasil)Deutsch
Tu tens o meu telemóvel?Você tem o meu celular?Hast du mein Mobiltelefon?
Estou a esperar o autocarro.Estou esperando o ônibus.Ich warte auf den Bus.
Chamo-me Sofia.Me chamo Sofia.Ich heiße Sofia.
Há uma casa de banho aqui?Tem um banheiro aqui?Gibt es hier ein Badezimmer?
Dá-me um gelado, por favor.Me dá um sorvete, por favor.Gib mir bitte ein Eis.

Häufige Fehler

Das sind die Fehler, die einem Lernenden des europäischen Portugiesisch durch brasilianischen Input unterlaufen:

  • Standardmäßig você mit Freunden in Portugal -> verwende tu – in Portugal kann você unter Gleichgestellten distanziert oder sogar schroff klingen; tu ist die freundschaftliche Norm.
  • Tem pão? für „Gibt es Brot?“ im europäischen Portugiesisch -> Há pão? – tem für Existenz ist brasilianisch; das europäische Portugiesisch verwendet há.
  • Estou comendo -> Estou a comer – die Verlaufsform mit Gerundium ist brasilianisch; das europäische Portugiesisch verwendet estar a + infinitivo.
  • Me chamo Ana am Satzanfang -> Chamo-me Ana – das europäische Portugiesisch hängt das Pronomen an das Verb an und beginnt keinen Satz mit einem Klitikum.
  • Perdi o ônibus -> Perdi o autocarro – Alltagswörter unterscheiden sich (siehe Tabelle oben), verwende also das europäische; achte auch auf falsche Freunde wie rapariga, in Portugal ein neutrales Wort für „Mädchen“, in Brasilien aber unhöflich.
  • Werden die Normen in einem Satz gemischt (Você estás a trabalhar?) -> entscheide dich für ein System: você passt zum Verb der dritten Person, tu zur zweiten Person – vermische sie nicht.

Tipps

  • Wähle eine Norm und bleibe dabei konsequent. Für diesen Kurs ist das die europäische: tu, estar a + infinitivo, angehängte Pronomen, há. Konsequenz liest sich wie Sprachgewandtheit; Mischen liest sich wie Unsicherheit.
  • Beide verstehen, eine produzieren. Da die meisten Medien brasilianisch sind, wirst du Proklise, Gerundien und você zu hören bekommen – bilde jeweils die europäische Entsprechung, statt sie zu übernehmen.
  • Behandle die Wortschatzpaare wie Karteikarten: Wer autocarro / ônibus, comboio / trem, telemóvel / celular kennt, erlebt in keinem der beiden Länder ein ratloses Schweigen.
  • Mach dir wegen der Akzentzeichen (António vs. Antônio) nicht zu viele Sorgen: Die Schreibung ist zu 90 % gemeinsam, und man wird dich auf beiden Seiten klar verstehen. Was das Verständnis wirklich beeinflusst, sind tu/você, die Pronomenstellung und der Wortschatz.
  • Spätere Lektionen kennzeichnen mit „In Brasilien: …“ genau die Stellen, an denen dich eine europäische Form stolpern lassen würde. Diese Lektion ist der Generalschlüssel zu diesen Anmerkungen.